ICNIRP

International Commission on Non-Ionising Radiation Protection

 

Die ICNIRP ist eine internationale, unabhängige Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung, welche von der WHO und EU offiziell anerkannt ist.

Die Hauptaufgaben der ICNIRP besteht in der kontinuierlichen Analyse und gesundheitlichen Bewertung des Kenntnisstandes auf allen Gebieten, die für den Strahlenschutz relevant sind, einschließlich der Analyse der jeweils aktuellen Forschungsergebnisse.
Diese Analysen, verbunden mit Empfehlungen,werden regelmäßig veröffentlicht. Ziel ist eine weltweite Harmonisierung der Verfahren und Vorgehensweisen zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung.

Die ICNIRP geht aktuell davon aus, daß die Existenz von nichtthermischen Effekten durch Felder wie die vom Mobilfunk beziehungsweise die Relevanz dieser Effekte für die Gesundheit des Menschen zu wenig gesichert ist, um sie zur Festsetzung von Grenzwerten heranziehen zu können. Sie kommt daher zu dem Schluß, daß unterhalb der von ihr empfohlenen Grenzwerte nach gesicherten wissenschaftlichen Kenntnissen keine gesundheitsschädlichen Wirkungen zu erwarten sind.
Der Vorsorgedanke wird in der Form von Sicherheitsfaktoren bei der Festlegung von Basisgrenzwerten berücksichtigt, sowie in der Annahme von worst-case Situationen bei der Definition von Referenzgrenzwerten (d. h. die Überschreitung von Referenzgrenzwerten bedeutet nicht automatisch eine Überschreitung der Basisgrenzwerte).

Weitere Details aus einem Interview der Forschungsstiftung Mobilkommunikation (Schweiz) mit Dr. Paolo Vecchia, dem derzeitigen Vorsitzenden der ICNIRP:

Dr. Vecchia, wann wurde die ICNIRP gegründet und von wem und wieso?
Die offizielle Geburtsstunde der ICNIRP ist der 20. Mai 1992. Da wurde an der 8. internationalen Konferenz der Internationalen Strahlenschutzorganisation (IRPA) die Charta unterzeichnet. Die ICNIRP hat dabei die Aktivitäten und Ziele einer IRPA Arbeitsgruppe (das internationale Komitee zu nicht-ionisierender Strahlung, INIRC) übernommen, die sich gleichzeitig mit der Gründung der ICNIRP aufgelöst hat. Die besagte Arbeitsgruppe wurde 1977 auf Initiative von Prof. Carlo Polvani durch den Vorstand der IRPA ins Leben gerufen. Die zunehmende Sensibilität gegenüber biologischen Effekten von nichtionisierender Strahlung (NIS) und der zunehmende Bedarf entsprechender wissenschaftlicher Forschung hat zur Gründung der INIRC und später der ICNIRP geführt. Die Gründung der ICNIRP ist Michael Repacholis Initiative zu verdanken, der auch ihr erster Vorsitzende war. Die ICNIRP ist so gesehen das Resultat einer 30-jährigen Aktivität zum Schutz vor NIS.

Wie wird die ICNIRP finanziert?
Die ICNIRP ist eine unabhängige Organisation, deren Statuten die Finanzierung klar regeln. Sie erhält Unterstützung von internationalen Organisationen, insbesondere der IRPA, der WHO und der Europäischen Kommission. Einzelne nationale Regierungen und Behörden unterstützen die ICNIRP ebenfalls. Zudem finanziert sich die ICNIRP auch über den Verkauf ihrer Publikationen, die Organisation von wissenschaftlichen Anlässen sowie Aufträgen internationaler Organisationen wie die Durchführung von wissenschaftlichen Reviews oder die Koordination von internationalen Aktivitäten.

Wie sieht die ICNIRP-Strategie betreffend einer internationalen Harmonisierung von Grenzwertempfehlungen aus?
Die Harmonisierung von Empfehlungen ist ein wichtiges Ziel der internationalen Staatengemeinschaft. Harmonisierung ist aus wissenschaftlicher, ethischer, ökonomischer und praktischer Sicht erstrebenswert. Die WHO leistet in dieser Hinsicht weltweit eine grossartige Arbeit. Diese Arbeit ist für die ICNIRP nicht möglich. Unsere Organisation liefert Grundlagen für Grenzwertempfehlungen, engagiert sich aber nicht darin, dass diese Empfehlungen von Nationalstaaten in ihre Rechtsprechung aufgenommen werden. Sodann ist auch die Harmonisierung von Empfehlungen internationaler Organisationen ein wichtiges Anliegen. Bedeutsam sind hier die ICNIRP und die ICES, welche in einzelnen Punkten etwas unterschiedlich sind. Aber die Gemeinsamkeiten sind um ein Vielfaches grösser als die Differenzen: Beide Organisationen verfolgen denselben wissenschaftlichen Ansatz, beziehen sich auf dieselben wissenschaftlichen Grundlagendaten, unter scheiden (in der Terminologie von ICNIRP) zwischen Basisgrenzwerten und Referenzwerten und verwenden im wesentlichen dieselben Frequenzabhängigkeiten bei den Grenzwerten. Ich bin überzeugt, dass der Forschungsfortschritt – insbesondere bessere Dosimetrie, geringere statistische Unsicherheiten und präzisere Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Expositionen und Effekten – zur Konvergenz der internationalen Empfehlungen führen wird.

Welches sind gegenwärtig die wichtigsten wissenschaftlichen Anliegen der ICNIRP?
In einzelnen Gebieten hat sich die wissenschaftliche Evidenz stabilisiert und deshalb auch die Grenzwertempfehlungen. Die IARC (die internationale Krebsagentur) und die WHO haben die Datenlage zu gesundheitlichen Risiken von statischen und niederfrequenten elektrischen und magnetischen Feldern analysiert. Eine Überarbeitung dieser Grundlagen kann realistischerweise nicht vor einem oder zwei Jahrzehnten erwartet werden. Dasselbe gilt für die ICNIRP-Empfehlungen: Die revidierten Empfehlungen zu statischen magnetischen Feldern wurden eben erst publiziert, und die Empfehlungen für niederfrequente elektrische und magnetische Felder werden demnächst auf der Website zur öffentlichen Vernehmlassung publiziert. Das Hauptaugenmerk der kommenden Jahre wird deshalb bei hochfrequenter NIS liegen, wo noch die Resultate von wichtigen epidemiologischen und biologischen Studien abgewartet werden. Die Aufmerksamkeit gilt auch neueren und zukünftigen Technologien. Die Kommission hat kürzlich mit einer Stellungnahme auf diese Notwendigkeit hingewiesen.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse haben die Arbeit der ICNIRP v. a. beeinflusst?
Die ICNIRP beobachtet kontinuierlich den wissenschaftlichen Fortschritt auf diesem Gebiet und wird ihre Empfehlungen anpassen, falls es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, welche das gegenwärtige Gesamtbild verändern sollten. Insgesamt haben die Forschungsresultate des letzten Jahrzehnts die Gültigkeit der ICNIRP-Grenzwertempfehlungen bestätigt. Ich sehe keine spezifischen Befunde, welche hier die ICNIRP-Aktivitäten besonders beeinflusst hätten. Die Anzahl und die Qualität der neuen Studien rechtfertigen jedoch eine Aufdatierung der unseren Empfehlungen zu Grunde liegenden Erkenntnisbasis. Genau das hat die ICNIRP unternommen.

Was ist die ICNIRP-Meinung zu nicht-thermischen Effekten von hochfrequenter NIS?
Die ICNIRP geht vom Prinzip aus, dass nur wissenschaftlich belegte Effekte, die unsere Gesundheit gefährden können, als Basis für Grenzwertfestlegungen dienen sollen. Wann ein Effekt als wissenschaftlich belegt gilt, haben wir in einer eigenen ICNIRP-Publikation dargestellt. Die intensiven Forschungsarbeiten der letzten Jahre haben Hinweise erbracht, dass es unterhalb der thermischen Schwelle biologische Effekte geben kann. Viele dieser Hinweise konnten allerdings in unabhängigen Zweitstudien nicht bestätigt werden oder eine gesundheitliche Bedeutung der Effekte war nicht gegeben oder unklar. Insgesamt haben die neuen Befunde die 1998 publizierte Meinung, dass unterhalb der thermischen Schwelle keine Effekte vorliegen, welche als Basis für Grenzwertüberlegungen dienen könnten, nicht verändert.

Welche Rolle sollte Ihrer Einschätzung nach die Wissenschaft in der Risikokommunikation spielen?
Risikokommunikation muss auf wissenschaftlichen Fakten aufbauen. Deshalb spielt die Wissenschaft eine bedeutende Rolle. Das Problem ist allerdings: Wer kann im Namen der Wissenschaft sprechen? Wer ist berechtigt, die «Stimme der wissenschaftlichen Gemeinschaft» zu vertreten? Wissenschaftler benützen ihre bewährten Kanäle und ihre Fachsprache, um Erkenntnisse zu kommunizieren. Kommunikation mit der Öffentlichkeit verlangt und erfordert andere Instrumente und eine andere Sprache, und Wissenschaftler sind für solche Aufgaben nicht immer qualifiziert. Sie können u. a. voreingenommen gegenüber ihren eigenen Resultaten sein und eher ihre persönliche Meinung als den wissenschaftlichen Konsens präsentieren. Meiner Meinung nach sollte Risikokommunikation von Kommunikationsprofis mit einem soliden wissenschaftlichen Hintergrundwissen betrieben werden. Nur so können Expertenmeinungen (insbesondere von Komitees) verstanden und kritisch miteinander verglichen werden, kann die Glaubwürdigkeit von Quellen eingeschätzt, können methodischen Fragen auf ihre Zweckmässigkeit hin beurteilt und, last but not least, kann das wissenschaftliche Meinungsbild verständlich der Öffentlichkeit kommuniziert werden.

Komplettes Interview mit weiteren Informationen zur ICNIRP,
als Auszug aus dem Jahresbericht 2008 der Forschungsstiftung Mobilkommunikation (pdf, 118 KB)

Mehr Information:

ICNIRP-Homepage

Deutsche Übersetzung der ICNIRP-Richtlinien von 1998 (pdf, 75 Seiten, 391 KB)

Statement vom August 2009 zu den ICNIRP-Richtlinien von 1998 (Englisch, pdf, 55 KB)

Exposure to high frequency electromagnetic fields, biological effects and health consequences
Eine über 300-seitige Zusammen-fassung und Bewertung der ICNIRP von Studien zur Dosimetrie und biologischer Wirkungen in-vitro, am Tier und am Mensch (2009).

Die ICNIRP-Standards: Rationale Basis und künftige Entwicklung
Aus dem Newsletter 3/2007 der FGF, (pdf, 115 KB)

Bewertungsgrundsätze der ICNIRP Aus dem Newsletter4//2004 der FGF (pdf, 126 kB)


Niederfrequente Felder :

Guidelines for Limiting Exposure to Time-Varying Electric and Magnetic Fields (1 Hz - 100 kHz). Health Physics 99(6):818-836; 2010.
Die überarbeiteten Empfehlungen der ICNIRP aus dem Jahr 2010 (Englisch, 600 KB)

Fact Sheet zu den Guidelines
Eine verständliche Erläuterung der Empfehlungen der ICNIRP (Englisch, 119 KB)


Kritische Beiträge zur ICNIRP:

Internationale Strahlenschutzkommission ignoriert Vorsorgeaspekte beim Elektrosmog
Dieser Artikel aus dem Elektrosmogreport vom April 1998 (vom Nova-Institut) gibt eine kritische Einführung in die von der ICNIRP empfohlenen Grenzwerte und bewertet diese.

 

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Zuletzt geändert: 19.12.10