Mobilfunk und Kinder

 
Bei Kindern sind Handys sehr beliebt. Doch da gerade sie als besonders empfindlich gelten, richtete sich schon früh die Sorge darauf, ob sie durch Mobilfunk gesundheitlich eventuell stärker beeinflusst werden könnten als Erwachsene. Diese Bedenken wurden erstmals durch den britischen Stewart-Report im Jahr 2000 öffentlich gemacht und dessen Formulierungen seither von verschiedenen Stellen in vielfältiger Weise nachempfunden. Die dabei meistgenannten Punkte sind folgende:

Am auffälligsten sind sicher die Veränderungen durch die größenmässige Entwicklung von Schädel und Gehirn im Kindesalter. Es gibt eine Vielzahl von Studien, wie sich dadurch der die Absorption der hochfrequenten Wellen definierende SAR-Wert ändert, jedoch sind die gefundenen Ergebnisse oft widersprüchlich. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Köpfe von Kindern nicht nur kleiner als die von Erwachsenen sind, sondern auch andere Proportionen aufweisen, was eine Vergleichbarkeit von Studienergebnissen erschwert, die unterschiedliche Kopfmodelle verwendet haben. Insgesamt zeigt sich bei neueren Untersuchungen, dass der SAR-Wert bei Kindern zwar etwas größer sein könnte als bei Erwachsenen, dass jedoch größere Unterschiede durch individuelle Anatomien zustandekommen.
Noch komplexer als reine Größenänderungen sind andere biologische Veränderungen während des Wachstums. Dazu zählt nicht nur die Reifung des Nerven- und Immunsystems, sondern auch eine Veränderung z.B. des Wassergehalts verschiedener Gewebearten sowie der Kalzifikation von Knochen. Insgesamt ist daher neben dem altersabhängigen Ausmaßes der HF-Absorption im Körper auch eine eventuelle altersabhängige Auswirkung von dieser zu betrachten.
Eine Vielzahl solcher und weiterer Aspekte wurden in einer Pilotstudie des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms in Form einer Literaturstudie untersucht und im zugehörigen Abschlussbericht ausführlich vorgestellt, auch wenn eine endgültige Bewertung in Bezug auf besondere Gefährdungspotenziale für Kinder noch aussteht.

Zur Übersicht nachfolgend die Zusammenfassung aus einer Stellungnahme der Strahlenschutzkommission (SSK) aus dem Jahr 2006:

Mobilfunk und Kinder

Stellungnahme der Strahlenschutzkommission
Verabschiedet auf der 213. Sitzung der SSK am 05./06.12.2006
 Volltext (276 KB)

Kurzinformation

Die Nutzung von Mobiltelefonen („Handys“) hat in den letzten Jahren nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch besonders bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen.

Die Frage, ob Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen in Hinblick auf die Nutzung des Mobilfunks eines erhöhten Schutzes bedürfen, wird immer häufiger gestellt. Es wird argumentiert, dass diese im Laufe ihres Lebens erheblich länger den elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks ausgesetzt seien und nicht ausgeschlossen werden könne, dass der jugendliche Organismus empfindlicher als der des Erwachsenen reagiert. Daher ist es notwendig, sich mit möglichen Auswirkungen des Mobilfunks speziell auf die kindliche Gesundheit zu beschäftigen. Die Strahlenschutzkommission hat sich dieses Themas angenommen und ist dabei zu folgenden Schlussfolgerungen gelangt:

  • Die bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen belegen zwar eine tendenziell höhere Absorption in Kinderköpfen, die Unterschiede zu Erwachsenen nehmen jedoch bereits nach den ersten Lebensjahren stark ab und sind bei 5jährigen bereits kleiner als die interpersonellen Variationen.
     
  • Die wenigen bisherigen Untersuchungen an Kindern ab 5 Jahren ergeben keine belastbaren Hinweise auf eine erhöhte Empfindlichkeit des Organismus von Kindern und Jugendlichen.
     
  • Die gegenwärtige epidemiologische Literatur enthält keine belastbaren Daten, mit denen sich Gesundheitsschädigungen durch langzeitige Einwirkungen von Mobilfunkfeldern belegen ließen. Studien speziell zu Kindern existieren nicht.
     
  • In Bezug auf mögliche Einflüsse auf die körperliche oder geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch Mobilfunkfelder liegen bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Eine Beeinflussung kognitiver Funktionen ist bei Erwachsenen nicht belegt.

Die SSK stellt fest, dass erst wenige Studien über potentielle gesundheitliche Auswirkungen des Mobilfunks auf Kinder und Jugendliche vorliegen und die gegenwärtige Datenlage keine wissenschaftlich fundierten Aussagen über mögliche altersspezifische Gesundheitsgefährdungen erlaubt. Aus dem Fehlen von belastbaren Untersuchungen kann weder auf ein erhöhtes noch auf ein vermindertes Risiko geschlossen werden.

Auch wenn nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand keine höhere Empfindlichkeit von Kindern und Jugendlichen gegenüber Hochfrequenzfeldern festgestellt werden kann, hält es die SSK u.a. wegen der längeren Lebenszeitexposition für diese Personengruppe und dem in Zukunft zu erwartenden Anstieg der Mobilfunkanwendungen für ratsam, Empfehlungen zur Verringerung der Exposition zu beachten. Hierzu spricht die SSK in der Stellungnahme eine Reihe von Empfehlungen aus.

Die SSK hebt hervor, dass diese Stellungnahme nicht als Befürwortung einer verstärkten Mobilfunknutzung durch Kinder und Jugendliche ausgelegt oder als Werbeargument verwendet werden kann.

Die Strahlenschutzkommission hat die Stellungnahme „Mobilfunk und Kinder“ auf ihrer 213. Sitzung am 05./ 06. Dezember 2006 verabschiedet.

Einen Überblick über den Forschungsstand und dessen Einschätzung im Jahr 2012 findet man in einem Beitrag in der Ausgabe 160 der Monatsschrift Kinderheilkunde, der mit dem Untertitel "Fakten, Spekulationen, Mythen" deutlich macht, wie problematisch der objektive Umgang mit diesem emotional geprägten Thema ist:

N. Leitgeb: Macht Mobilfunk Kinder krank?
Monatsschr Kinderheilkd 2012 · 160:461–467· DOI 10.1007/s00112-011-2573-, Springer-Verlag

 

 

Kinder und Handynutzung

Auch wenn es aus wissenschaftlicher Sicht derzeit keine konkrete Veranlassung gibt, die Handynutzung durch Kinder in irgend einer Weise zu reglementieren oder gar zu verbieten, gab es immer wieder Ansätze, zumindest "vorsorgliche" Beschränkungen anzumahnen. Dies war der Fall im bereits oben erwähnten "Stewart-Report" aus Großbritannien und wurde weither in verschiedenen Stellungnahmen mobilfunkkritischer Quellen immer wieder wiederholt.
Bezüglich eventuellen Befindlichkeitsstörungen wie Kopfschmerzen oder Einschlafprobleme bei Kindern und Jugendlichen fand eine im Januar 2009 veröffentlichte Studie des Deutschen Mobilfunk-Forschungprogramms keine signifikanten Einflüsse durch Expositionen durch Mobilfunks, wohl aber durch subjektive Vorstellungen.

Nachfolgend die sinngemässen Inhalte aus dem Stewart-Report, welche seither als Basis für viele ähnliche Empfehlungen anderer Institutionen dienen:

Falls bisher unentdeckte gesundheitliche Risiken der Mobiltelefonnutzung festgestellt werden sollten, könnten Kinder und Jugendliche besonders betroffen sein. Das Nervensystem von Kindern befindet sich noch in der Entwicklung, sie absorbieren im Kopfbereich mehr Energie und sie sind insgesamt einer längeren lebenszeitlichen Exposition ausgesetzt. Es wird aus Vorsorgegesichtspunkten deshalb empfohlen, die Nutzung von Handy bis auf die notwendigen Gespräche einzuschränken. Der Mobilfunkindustrie wird wird empfohlen, auf Werbung für Kinder zu verzichten.

Bezüglich des Risikos einer Hirntumorerkrankung duch Handynutzung bei Kindern und Jugendlichen wurde im Jahr 2011 das Ergebnis der CEFALO-Studie veröffentlicht, einem Projekt aus der Schweiz, Dänemark, Norwegen und Schweden. Demnach ist das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken, nicht erhöht, wenn Kinder und Jugendliche mit dem Handy telefonieren. Ganz Entwarnung geben können die Studienautoren nicht, da gewisse Unsicherheiten bleiben.

Weitere Diskussionspunkte ergeben sich durch die sozialen Aspekte der Handynutzung von Kindern, welche neben unbestreitbaren Vorteilen auch ihre negative Seiten hat. Im Vordergrund stehen dabei oft die finanziellen Gesichtspunkte, ebenso aber auch eine nicht immer zum Vorteil veränderte Art der zwischenmenschlichen Kommunikation oder die mit zunehmender Multimediafähigkeit der Geräte ansteigende Gefahr von jugendgefährdenden Nutzungsmöglichkeiten. Zu Letzteren haben die deutschen Mobilfunkanbieter im Oktober 2005 einen Verhaltenskodex zum Jugendschutz im Mobilfunk verabschiedet, mehr allgemeine Informationen bieten diese in den Unterlagen zu ihrem Schulprojekt Mobilfunk an.
Vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt es seit Dezember 2003 die inzwischen in vierter Auflage erschienene und speziell für Kinder und Jugendliche zugeschnittene Broschüre Mobilfunk: Wie funktioniert das eigentlich? , als Beispiel für die vielfältigen Bemühungen der Verbraucherschutzverbände zum Kostenfaktor Handy sei auf die Internetseite mit dem vielsagenden Titel Taschengeldgangster.de hingewiesen.

 

Kinder im Umfeld von Mobilfunk-Sendemasten

Während die Handynutzung durch Kinder noch im Bereich der eigenen Einflussnahme liegt, ist diese Situation bei Mobilfunk-Sendemasten wie etwa auf den Dächern von Schulgebäuden anders und gab immer wieder Anlass zu Aktivitäten besorgter Eltern.
Gestützt werden Befürchtungen in der Öffentlichkeit bezüglich Gefährdungen durch Mobilfunk etwa durch die in den Medien breit kommunizierten Laborversuche des schwedischen Forschers Prof. Leif G. Salford, der bereits bei sehr geringen SAR-Werten eine erhöhte Durchlässigkeit der sog. Blut-Hirnschranke zu beobachten glaubte und diese Ergebnisse wegen des jungen Alters der verwendeten Laborratten auf die Verhältnisse bei Kindern und Jugendliche interpretierte. Dabei wird von den meisten Lesern dieser Ergebnisse allerdings übersehen, dass sich diese Versuche samt ihrer Interpretation vielfältiger Kritik aus Expertenkreisen ausgesetzt sehen und die vorgestellten Resultate bisher auch nicht von anderen Forschern bestätigt werden konnten.
Darüber hinaus kursieren bereits seit geraumer Zeit diverse Berichte über eine erhöhte Krebsrate bei Kindern (meist Leukämie) in der Nähe von Rundfunk- oder Fernsehsendern und diese Fälle werden oft auf den Mobilfunk übertragen. Allerdings wird dem besorgten Publikum dabei durch das Verschweigen von entsprechenden Folgestudien meist der Umstand vorenthalten, dass sich diese Erkenntnisse entweder nur auf bestimmte Zeiträume bzw. einzelne geografische Regionen beschränkten und somit nicht verallgemeinert werden können oder dass es sich dabei um sehr kleine Fallzahlen gehandelt hat, die beinahe jede statistische Unsicherheit zulassen.
Ebensowenig hilfreich ist die lücken- bis fehlerhafte Berichterstattung bei vermeintlichen Häufungen von Krebsfällen um Mobilfunkanlagen, die z. B. im Fall der spanischen Universiätsstadt Valladolid bereits mit einer falschen Information über die Art der Sendeanlagen begann und etwa bei dem auch heute noch oft zitierten Fall der in der Nähe von Paris gelegenen Ortschaft Saint-Cyr l’Ecole damit endete, dass kaum jemand Notiz von dem offiziellen Untersuchungsbericht nahm, der Sendemasten als Ursache für die vermehrten Hirntumorfälle ausdrücklich ausschloss.

Der Stewart-Report ging ebenfalls auf die Installation von Mobilfunk-Sendemasten in der Nähe von Schulen ein, jedoch ohne auf konkrete Erkenntnisse zu eventuellen gesundheitlichen Einflüssen verweisen zu können. So empfiehlt er zur Vorsorge bei der Plazierung von solchen Anlagen auf oder in der Nähe von Schulen eine besondere Prüfung vor ihrer Installation sowie dass der Hauptstrahl ihrer Antennen nicht ohne Einwilligung der Schule und Eltern auf die Schuleinrichtungen gerichtet sein sollte.

 

Kinder und andere Funktechniken

Historisch betrachtet noch länger als mit Handys sind Kinder mit anderen Funktechniken konfrontiert, etwa mit den früheren "Walkie-Talkies" oder den sogenannten Babyphones, welche ebenso als funkbetriebene Lösung angeboten werden. Während Walkie-Talkies oder ähnliche Funkgeräte aufgrund ihrer für die Medien uninteressanten geringen Verbreitung und der eher sporadischen Nutzung keine besondere Aufmerksamkeit erlangten, ist dies bei den Babyphones anders. Hier ist es vor allem die Zeitschrift Öko-Test, die sich bereits mehrmals kritisch zu den elektromagnetischen Aussendungen dieser Geräte äusserte, etwa in einem Testbericht mit dem Titel "Und täglich strahlt der Babysitter", dessen Aussagen vom Bundesamt für Strahlenschutz in einer Stellungnahme jedoch deutlich relativiert wurden.

 

Forschung zu elektromagnetischen Feldern speziell mit Kindern

Forschungsaktivitäten mit Kindern unterliegen immer besonderen ethischen Aspekten (Stichwort "Versuchsobjekt"). Deshalb sind sie auch besonderen Hemmnissen ausgesetzt, einen Zugang zu weiteren Forschungsergebnissen findet sich unten bei der weiterführenden Literatur und Referenzen .

Aktuell laufende Forschungsaktivitäten sind derzeit unter anderem:

Solche Studien sind auch Bestandteil von aktuellen und früheren Forschungsvorschlägen ("Research Agenda") der Weltgesundheitsorganisation. Darin werden auch weitere epidemiologische Untersuchungen vorgeschlagen, etwa zum Hirntumorrisiko speziell bei kindlichen Handynutzern. Derzeit laufen Vorbereitungen zur Durchführungen mehrerer solcher Studien.
 

 

Weiterführende Literatur und Referenzen

Deutschprachige Literatur

Umweltbedingte Gesundheitsrisiken - Was ist bei Kindern anders als bei Erwachsenen?
Diese Übersicht des Umweltbundesamts vom Mai 2004 befasst sich mit Umwelteinflüssen verschiedenster Art und ist ein Beitrag zum Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (360 kB)
Untersuchungen zu altersabhängigen Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf der Basis relevanter biophysikalischer und biologischer Parameter
Im Rahmen dieser Studie des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms wurde durch möglichst realitätsnahe Modellierung sowohl des kindlichen Kopfes als auch der Strahlungsquelle die Frage nach Ausmaß und Verteilung von HF-Absorption und Temperaturveränderungen im kindlichen Kopf im Verhältnis zum Erwachsenen untersucht.

 
Englischsprachige Literatur

Children’s health and RF EMF exposure
Dieser Bericht des Forschungszentrums Jülich bietet einen Überblick und eine Bewertung Erkenntnislage des Jahres 2009 zur Auswirkung elektromagnetischer Felder von Handys und Mobilfunkbasisstationen auf die Gesundheit von Kindern.

The Sensitivity of Children to Electromagnetic Fields
Dieser Artikel in einer amerikanischen Fachzeitschrift für Kindergesundheit bietet eine Übersicht zur Empfindlichkeit von Kindern gegenüber nieder- und hochfrequenten Feldern. Der mit einigen Hintergrundinformationen ergänzte Beitrag beruht auf Diskussionsergebnissen des zugehörigen Workshops der WHO in Istanbul 2004.
Leeka Kheifet, Michael Repacholi, Rick Saunders, Emilie van Deventer: The Sensitivity of Children to Electromagnetic Fields, PEDIATRICS Vol. 116 No. 2 August 2005, pp. e303-e313

 

 
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Zuletzt geändert: 01.07.12