"Geldrollenbildung" im Blut: Verursacht durch Mobilfunk-Felder?

 
Ein Auszug aus dem Newsletter Nr. 1/2000 der Forschungsgemeinschaft Funk

"Geldrollenbildung" im Blut: Verursacht durch Mobilfunk-Felder?

„Geldrollenbildung“ – ein zur Zeit auf Bürgerversammlungen gegen die Neuerrichtung von Mobilfunk- Basisstationen mit Live-Demonstrationen gezeigtes Phänomen – beunruhigt seitdem die Menschen in der Eifel in Nordrhein-Westfalen (Kölner Stadt-Anzeiger vom 15.10.1999 und vom 15./16.1.2000). Auch die Sendung „Spiegel-TV“ und die Zeitschrift „Der Spiegel“ (Heft 10 vom 6.3.2000) wurden auf die Vorgänge aufmerksam und berichteten darüber.

Der an frisch entnommenen Blutproben aus dem Ohrläppchen eines Freiwilligen vorgeführte Effekt ist ein in der Medizin lange bekanntes und anerkanntes Phänomen (Synonyme: Geldrollenagglutination, Pseudoagglutination, Rouleau-Bildung; engl.: ‘rouleau formation’). Dabei legen sich die etwa acht Tausendstel Millimeter (µm) großen roten Blutkörperchen (Erythrozyten) münzrollenartig, zum Teil verzweigt, mit den flachen Seiten aneinander und bilden lange Ketten. Diese können mit normalen Mikroskoptechniken (Dunkelfeld-oder Phasenkontrastbeleuchtung) ohne großen Aufwand unter einem Lichtmikroskop mit angeschlossener Videokamera gezeigt werden.
 

„Der Handy-Anruf ließ das Blut erstarren“

Unter diesem Titel berichtete der Kölner Stadtanzeiger vom 15./16.1.2000 über eine Bürgerversammlung in dem Ort Kall, bei der einem Freiwilligen aus dem Publikum (der gewöhnlich kein Handy-Benutzer sein sollte) zunächst Blut vor einem Handy-Testtelefonat aus dem Ohrläppchen entnommen wurde. Dabei mußte geklärt werden, ob der allgemeine Zustand des „Probanden“ nicht schon vor dem Telefonieren zu Geldrollenbildung im Blut geführt hatte. Nur wenn dabei frei im Blut schwimmende Erythrozyten gefunden werden, der Betreffende also als elektromagnetisch „unbeeinflußt“ eingestuft wird, sollen die Effekte nachweisbar sein.
Nach dieser Prüfung telefonierte der Freiwillige einige Minuten mit einem Mobiltelefon, und es wurde erneut ein Tropfen Blut aus dem Ohrläppchen entnommen. Die beiden Blutproben wurden auf Objektträgern mit einem Deckglas abgedeckt und so als Vitalpräparat unter dem Dunkelfeldmikroskop verglichen. Auf der Video-Projektionsleinwand war zu sehen, wie sich die roten Blutkörperchen zunächst bewegten. Nach dem Telefonieren zeigte die Blutprobe „endlose Ketten von verklebten Blutkörperchen, die sich gar nicht mehr bewegten“ – Geldrollenbildung!
 

Was steckt dahinter?

Die Geldrollenbildung wird verursacht durch die plötzliche Entstehung besonderer hochmolekularer Eiweißsubstanzen im Blut, die zur Verknüpfung der Erythrozyten in der beschriebenen Form führen. In schwerer Form kann die Folge eine Strömungsbehinderung des Blutes sein, bis hin zur möglichen Verstopfung kleiner Blutgefässe (sog. Fahraeus Pseudothromben) mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen.
Dieses in der Medizin als „Blutschlamm“ (engl. ‘blood sludge’) bezeichnete vorübergehende Phänomen ist von schweren Schockzuständen her bekannt, z.B. nach Verbrennungen, kann in leichterer Form aber auch schon durch zu geringe Flüssigkeitsaufnahme in den Körper oder bei bestimmten Stoffwechselerkrankungen auftreten. In leichtem Ausmaß muß die Geldrollenbildung jedoch zu den normalen Eigenschaften von gesundem Blut gezählt werden. Sie spielt im Körper offenbar auch eine Rolle bei der Feinregulierung der Zähflüssigkeit (Viskosität) des Blutes, die sich normalerweise ständig in geringem Maße ändert. Dies ist nur mit aufwendigen Methoden nachweisbar (s.u.). Außerdem wird die Paarbildung von Erythrozyten und die nachfolgende Geldrollenbildung als erste Schritte beim Ablauf der normalen Blutgerinnung angesehen, die bei Menschen mit gesundem Blut außerhalb des Körpers immer mit intraindividueller Verzögerung einsetzt, wenn sie nicht durch Gerinnungshemmer unterdrückt wird. Schließlich bilden sich aus den aneinander hängenden Blutkörperchen räumliche Gebilde, die der Körper normalerweise als Pfropfen zum Wundverschluß braucht. Bei Blutkonserven wird die Fähigkeit zur Geldrollenbildung sogar als Gütekriterium herangezogen (Rehse et al., 1990).
Bei der Blutgruppenbestimmung mit älteren Methoden ist die Geldrollenbildung als Artefaktmöglichkeit (Möglichkeit einer Fehlbestimmung durch falsch positive Gerinnungsergebnisse) bekannt. Und schließlich steht schon in einem älteren Buch über Hobby-Mikroskopie (Deckart, 1972) zu lesen:
Bei der Betrachtung unter dem Mikroskop sehen wir viele rote Blutkörperchen gleicher Form und Größe. Sie gleichen Geldstücken und haben die Neigung, sich wie Geldrollen aneinander zu legen.
Nichts Besonderes also, wenn sich rote Blutkörperchen wie Geldrollen aneinander legen?
In der Naturheilkunde wird der Untersuchung eines frisch entnommenen Tropfens Blut, speziell mit dem Dunkelfeldmikroskop, große Bedeutung bei der Diagnose verschiedenster Beschwerden oder physiologischer Ungleichgewichte beigemessen. Die Untersuchungsmethode stellt dort eine eigene Fachrichtung dar, die in der Schulmedizin in dieser Art nicht praktiziert wird. So sollen sogar fundierte Aussagen über die Gesamtsituation des Körpers möglich sein.
 

Die Kraft der Gedanken

Was uns Edgar Cayce, der „Seher von Virginia Beach“, schon in den dreißiger Jahren voraussagte, ist heute wahr geworden: Der Gesundheitszustand eines Menschen wird mit der „Dunkelfeld-Vitalblut-Diagnostik“ (so die offizielle Bezeichnung) durch die Untersuchung nur eines Tropfens Blut bestimmbar (http://www.nulife sciences.com).
Auf den entsprechenden Internet-Seiten amerikanischer Trainingszentren für Vitalblut-Dunkelfeldmikroskopie und deutscher Naturheilkliniken wird das ganze Ausmaß der Blutverwirrung deutlich: Von der Anfärbung des Blutes mit Lichtfrequenzen ist hier die Rede, von kraftvoll leuchtenden oder schattenhaften Erythrozyten, vom Enderlein-Training nach dem „Dr.-Gunther-Enderlein-Ansatz“ bis hin zum „Ultra-Dunkelfeldmikroskopie“- Standardbildband von Michael Coyle zum Selbststudium zum Preis von $ 200 . Alles kann gleich online bestellt werden, inclusive des NuLife Sciences Photomikroskopiersystems – ein normales Videomikroskop mit Dunkelfeld-Beleuchtungsansatz.
Auch Angstzustände oder Verkrampfungen werden im Blutbild deutlich. „Die roten Blutkörperchen drängen sich dann dicht zusammen und bilden etwas, das wie Geldrollen aussieht.
Neben der „Kraft des Gebetes“ hilft uns die HG Naturklinik Michelrieth (http://www.naturklinik.com/de/ dunkelfeld1.html) auch mit der „Kraft der Gedanken“ weiter:
Im ersten Fall wurde einem Patienten Blut entnommen, der morgens lustlos und leicht depressiv erwachte und den Tag nicht annehmen wollte. Er ging angespannt und pessimistisch in den Tag. Doch während der Untersuchung begann er, umzudenken, etwa: ‚Ich nehme den Tag an. Ich denke positiv’. Schon nach kurzer Zeit zeigt sich die Wirkung im Blutbild: Die Geldrollen lösen sich auf, es kommt Bewegung auf, die Blutkörperchen gewinnen an Ausstrahlung. Und nun ein interessanter Befund: Durch einen nicht geplanten Außenreiz erschrak der Patient während der Untersuchung. Obwohl das Tröpfchen Blut sich außerhalb des Körpers befand, reagierte es dennoch auf den Schreck. Der Volksmund sagt dazu: ‚Vor Schreck stockte ihm das Blut in den Adern.’ Dass dies auch außerhalb des Körpers noch so ist, zeigt, wie sehr unser Blut mit uns verbunden ist und wie sich Empfindungen und Gedanken auf das Blut auswirken.
Hat der Freiwillige bei der Bürgerversammlung in der Eifel vielleicht nur nicht positiv gedacht oder erschrak er womöglich beim Anblick des Handys?

Wie ist der Stand der Wissenschaft?

Durchsucht man wissenschaftliche Datenbanken, dann erhält man über 200 relevante Arbeiten, die sich mit der Geldrollenbildung im Blut beschäftigen. In sehr vielen methodischen Publikationen wird klar, daß man sich einer quantitativen Erfassung des Phänomens nicht ohne weiteres auf dem Objektträger eines Lichtmikroskops, sondern eher unter standardisierten Bedingungen und mit ausgefeilteren Methoden nähern kann.
Dabei werden die gewaschenen Erythrozyten in der Regel in ihrem Plasma wieder aufgenommen oder in einer standardisierten Ersatzlösung suspendiert, welcher der Zusatzstoff Dextran als Geldrollen-Auslöser definiert zugesetzt wird. Nur so können außerhalb des Körpers unter Standardbedingungen ohne den verfälschenden Einfluß der normalen Blutgerinnung (und ohne Einsatz von Gerinnungshemmern) aussagekräftige Vergleiche zwischen Test- und Kontrollansätzen durchgeführt werden.
Die Geldrollenbildung kann sowohl Folge der Bildung von Gerinnungsproteinen (Fibrinogen und andere Plasmafaktoren) im Blutplasma sein, als auch von Eigenschaften der roten Blutkörperchen selbst abhängen (Obiefuna und Photiades, 1990). Strömungsuntersuchungen in dünnen Kapillaren zeigen, daß bei niedriger Fließgeschwindigkeit des Blutes mehr Geldrollenbildung zu beobachten ist als bei hoher Geschwindigkeit (Cokelet und Goldsmith, 1991). Es wird heute davon ausgegangen, daß im venösen Blutkreislauf der Zustand des Fast-Stillstands bei jedem Pulsschlag in einer bestimmten Phase natürlicherweise vorkommt, somit auch das Aneinanderlagern von Erythrozyten, das damit zur normalen lokalen Variation der Strömungseigenschaften des Blutes im Körper beiträgt (Lee et al., 1990). Dies im lebenden Körper zu zeigen, ist natürlich nicht einfach, wenngleich es auch dafür heutzutage methodische Lösungen mit Hilfe der Doppler-Ultraschallrückstreuung gibt (Cloutier und Qin, 1997).
Auch Untersuchungen mit anderen Methoden belegen, dass das alleinige Vorkommen der Geldrollenbildung im Blut eine ziemlich natürliche Sache ist. Gegenstand der Pathologie-Forschung ist allenfalls das Vorkommen eines Übermaßes an Geldrollenbildung im Vergleich zu normalen Proben. Gerade hierzu sind jedoch Methoden nötig, die quantitative Aussagen zulassen. Das alleinige Anschauen auf dem Objektträger scheint nicht ausreichend zu sein.
Anerkannte quantitative Methoden sind z.B. die Laser-Reflektometrie (Beurteilung der Rückstreuungsrate von Laserlicht, mit dem das Blut im Spalt eines Viskosimeters bestrahlt wird), die Rheoskopie (direkte Beobachtung der Geldrollenbildung in einer Kapillare unter dem Mikroskop unter standardisierten Bedingungen), die Aggregometrie (Integration der Lichtmenge, die durch eine Blutprobe hindurch fällt, über einen gewissen Zeitraum zu einem spezifischen Index) und die eben schon erwähnte Ultraschall- Rückstreuungsanalyse, wobei die Rheoskopie die am wenigsten verläßlichen Ergebnisse liefert (Stoltz et al., 1984).
Wissenschaftliche Untersuchungen über den Einfluß von schwachen hochfrequenten elektromagnetischen Feldern auf das Phänomen „Geldrollenbildung“ fehlen bis heute. Lediglich über den Einfluß von Mikrowellen, die klinisch in verschiedenen Geräten zum raschen Anwärmen von Blutkonserven vor größeren Infusionen eingesetzt werden, findet man einige Publikationen mit zum Teil widersprüchlichen Resultaten. Während den Geräten in einem Fall die Unbedenklichkeit bescheinigt wird (Harrison et al., 1992), kommen andere Autoren zu dem Schluß, dass die - wohlgemerkt starke - Mikrowellenstrahlung Schäden am Blut verursachen kann (Linko und Hekali, 1980).

 
Eigene Untersuchungen

Bei Untersuchungen im eigenen Labor wurde deutlich, dass der bei der Bürgerversammlung in der Eifel vorgeführte Test keinen wissenschaftlichen Kriterien standhält, weil die nicht standardisierte Methode offenbar gar keine reproduzierbaren Ergebnisse liefern kann. Es wurde die gleiche „Vitalblut-Diagnostik“ betrieben, wie oben beschrieben. Es kam beim Mikroskopieren jedoch nicht die Dunkelfeld-, sondern die im Labor eher übliche Phasenkontrastbeleuchtung zum Einsatz.
Bei einer Vielzahl von Testansätzen wurden zahlreiche Geldrollenbildungen beobachtet – allerdings ganz unabhängig von den Testbedingungen. Ob mit oder ohne zwischenzeitlich geführtes Handy-Telefonat: Jedes Präparat sah anders aus, auch bei derselben Testperson, die zwischen zwei Blutabnahmen gar nicht telefoniert hatte. Zwar zeigten sich individuelle Unterschiede in der grundsätzlichen Neigung zur Geldrollenbildung, die Blutbilder veränderten sich jedoch ständig während der Beobachtung, und man fand sogar Stellen mit und ohne Geldrollenbildung auf ein und demselben Objektträger. In keinem Fall konnte ein Hinweis auf einen Effekt durch ein geführten Handy- Telefonat gefunden werden. Somit kann man sich in dem kleinen, hoch vergrößerten Video-Bildausschnitt in vielen Fällen offenbar aussuchen, was man zeigen möchte: frei schwimmende Blutkörperchen oder Stellen mit Geldrollenbildung. Die Testperson mit der zuverlässig stärksten zu beobachtenden Geldrollenbildung war übrigens noch nie Handy-Benutzer.

Als Nachweismethode zur Demonstration eventueller Effekte von Mobilfunk-Feldern auf die Gesundheit des Menschen erscheint die Methode der „Vitalblut-Diagnostik“ ungeeignet und kann in der Öffentlichkeit vorgeführt eher zu Verwirrung und Fehlinformation führen als zur sachlichen Diskussion beitragen.

Dr. Frank Gollnick und Gabi Conrad sind Mitarbeiter am Physiologischen Institut der Universität Bonn

Literatur

  • Cloutier, G. and Z. Qin: Ultrasound backscattering from non-aggregating and aggregating erythrocytes - a review. Biorheology 34(6): 443-70 (1997)
  • Cokelet, G.R. and H.L. Goldsmith: Decreased hydrodynamic resistance in the two-phase flow of blood through small vertical tubes at low flow rates. Circ. Res. 68(1): 1-17 (1991)
  • Deckart, M.: Freizeit mit dem Mikroskop. Falken Verlag, Niedernhausen (1972)
  • Harrison, G.G. et al.: Method for the safe and rapid pretransfusion warming of stored blood: an in vitro and in vivo evaluation of a radiofrequency (RF) instrument. J. Clin. Apheresis; 7(1): 12-7 (1992)
  • Lee, M.M. et al.: Adhesive interaction of erythrocytes in vitro in multiple myeloma. Microvasc.Res. 40(3): 317-26 (1990)
  • Linko, K. and R. Hekali: Influence of the Taurus radiowave blood warmer on human red cells. Hemolysis and erythrocyte ATP and 2,3 DPG concentrations following warming by radiowaves, microwaves and water bath. Acta Anaesthesiol. Scand. 24(1): 46- 52 (1980)
  • Obiefuna, P.C. and D.P. Photiades: Sickle discocytes form more rouleaux in vitro than normal erythrocytes. J. Trop. Med. Hyg. 93(3): 210-4 (1990)
  • Rehse, K. et al.: Antiaggregatorische und anti-coagulante Eigenschaften von Oligoaminen, 13.Mitt.: Verbesserung der Lagerfahigkeit von Vollblut und Erythrocytensuspensionen durch Oligoamine. Arch. Pharm. Weinheim. 323(8): 475-9 (1990)
  • Stoltz, J.F. et al.: Experimental approach to rouleau formation. Comparison of three methods. Biorheology Suppl. 1: 221-6 (1984)

Original: http://www.fgf.de/publikationen/newsletter/einzeln/NL_00-01/Geldrollenbildung-Mobilfunk-NL01_00d.pdf


Navigation zu
  dieser Seite:
        
Homepage Elektrosmoginfo
Menüseite: Biologie und Gesundheit
  "Geldrollenbildung" im Blut: Verursacht durch Mobilfunk-Felder?
 
Zuletzt geändert: 27.10.02